Ob wackelig oder wanderfit: Warum Waldbaden wirklich für alle funktioniert

Juni 2026, die Hitze flimmert über Süddeutschland. Also lieber daheim auf dem Sofa bleiben, vor allem wenn du nicht gut zu Fuß bist? In diesem Artikel erfährst du, warum der Wald auch bei Außentemperaturen von weit über 30 Grad ein guter Ort zum Durchatmen ist – für Alt und Jung. (👙Spoiler: Du brauchst dafür keinen Badeanzug.) Vielleicht bekommst du dabei Lust, selbst Waldauszeiten in deinen Alltag einzubauen?

Peggy Wandel und Susanne Glas im Wald
Im Wald mit Sanne (alias Travelsanne)
Collage aus Grüntönen
Shades of Green

Der Wald als natürliche Klimaanlage

Bei brütender Sommerhitze ist der Wald eine natürliche Klimaanlage – noch dazu eine ohne lästiges Brummen oder steigende Stromrechnung. Im Wald sind es gefühlt mehrere Grad weniger. Und das Gefühl trügt nicht:

  • Studien zeigen, dass es unter einem voll belaubten Blätterdach rund vier bis fünf Grad kühler ist als im Freiland .
  • Der Unterschied zwischen asphaltierter Stadt und schattigem Wald kann sogar rund 10 °C betragen, schreibt unter anderem die „Forstpraxis“.
Auflockernde Kennenlernrunde beim Waldbaden
Lockere Runde zum Kennenlernen

Wichtig: Sich Zeit nehmen

Mit der Reise- und Wanderbloggerin Susanne von Travelsanne war ich bei nachmittäglicher Hitze gemächlich im Wald unterwegs. Auf der Schwäbischen Alb führte ich sie und eine Gruppe im Alter von circa 19 bis 79 durch den Wald. Das ist das Schöne am Gesundheitsformat Shinrin Yoku, zu Deutsch „Waldbaden“: Es eignet sich für Menschen jeden Alters. Auch wer nicht mehr gut zu Fuß ist und keine Wandertouren mehr unternehmen kann, ist dabei gut aufgehoben.

Die älteste Teilnehmerin kam gleich am Treffpunkt mit ihren Nordic-Walking-Stöcken auf mich zu: „Kann ich denn überhaupt mitmachen? Ich brauche die Stöcke und bin langsam unterwegs.“ Ich konnte sie beruhigen: Beim Waldbaden haben wir Zeit und nehmen uns Zeit. Alle Übungen sind freiwillig. So genoss es eben diese Teilnehmerin, sich während des Waldrundgangs ein paar Minuten auf eine Bank zu setzen, während der Rest der Gruppe Bäume mit geschlossenen Augen erfühlte. Alles kann, nichts muss.

Was sagt die Wissenschaft zum Waldbaden?

Mit Esoterik hat Waldbaden nicht zu tun. Eine große Feldstudie aus Japan hat bereits 2010 gemessen, wie der Wald auf uns Menschen wirkt: Demnach senken bereits 15 Minuten im Wald den Blutdruck und die Herzfrequenz. Stresshormone im Blut gehen zurück. Mit einem Spaziergang durch die Fußgängerzone deiner Stadt erreichst du diesen Effekt nicht.

Tut Waldbaden auch älteren Menschen gut?

Bei dieser Frage ist sich die Wissenschaft überraschend einig. Eine systematische Übersichtsstudie hat gezielt die Effekte des Waldes auf Menschen über 60 untersucht. Das Ergebnis:

  • Waldspazieren wirkte sich positiv auf Blutdruck und Herzfrequenz aus, verbesserte die Stimmung und senkte den Stresslevel.
  • Psychologisch zeigten sich Verbesserungen hinsichtlich Depression, Stress und wahrgenommener Lebensqualität.

Die Forscher kommen zum Schluss, dass achtsames Gehen im Wald – für sich oder in Kombination mit anderen Aktivitäten – die wirksamste Form der Waldtherapie für diese Altersgruppe ist. Auch wenn es bislang wenige Studien mit großen Teilnehmerzahlen gibt, weisen die Ergebnisse klar in eine Richtung.

Waldbaden mit Aussicht: Eine heterogene Gruppe auf dem Aussichtsfelsen
Sich Zeit nehmen für Ausblicke: Auch das ist Shinrin Yoku

Im Gespräch mit Susanne Glas alias Travelsanne

Über Waldbaden mit einer bunten Gruppe bei drückender Hitze sprach ich im Nachgang mit der Vielwandererin Susanne von Travelsanne. Sie hat die Waldauszeit am Sonnwend-Wochenende organisiert und war gemeinsam mit ihrer Schwester Tanja selbst dabei.

Peggy: Sanne, du engagierst dich ehrenamtlich im Schwäbischen Albverein und hast die Ausschreibung für das Waldbaden am Mittsommer-Wochenende in die Hand genommen. Im Vorfeld wurdest du auch gefragt, ob Badesachen nötig sind, stimmt’s? Liegt es am etwas unglücklichen deutschen Begriff „Waldbaden“, dass darüber falsche Vorstellungen kursieren?

Sanne: Ja genau, wir hatten zum Waldbaden eingeladen, weil wir dachten, die japanische Bezeichnung Shinrin Yoku ist vielleicht nicht ganz so aussagekräftig. Tatsächlich wurde ich mehrfach gefragt, ob man Badesachen braucht, ob man sich ausziehen muss im Wald, weil es keine klare Vorstellung davon gab, was Waldbaden eigentlich ist. Offensichtlich dachten manche, es gibt eine Badewanne im Wald oder einen Teich, und dann baden wir im Wald (lacht). Viele fanden es vermutlich einfach lustig, sich über das Thema Waldbaden lustig zu machen, weil sie denken, das ist was für esoterische Spinner, und eigentlich im Prinzip gar keine Vorstellung davon hatten, was Waldbaden tatsächlich bedeutet.

Peggy erklärt Shinrin Yoku: Waldbaden ist auch bei Hitze unf für Ältere gut geeignet
Peggy erklärt den wissenschaftlichen Hintergrund des Waldbadens

Peggy: Genau deshalb erkläre ich den wissenschaftlichen Hintergrund, wenn ich Gruppen durch den Wald führe. Sanne, du bist selbst viel draußen unterwegs und berichtest auf deinem Blog Travelsanne über deine Wanderungen – was ist der größte Unterschied für dich zwischen Wandern und Waldbaden?

Sanne: Beim Wandern habe ich immer ein gewisses Ziel. Ich achte vielmehr auf die Wegmarkierungen, auf den Pfad, ob er barrierefrei ist oder Ähnliches, vor allen Dingen, wenn ich mit einer Gruppe unterwegs bin. Beim Waldbaden habe ich gemerkt, da schlendere ich viel mehr, ich nehme viel mehr Details am Wegrand auf, nehme die Gerüche und Geräusche um mich herum wahr. Ich habe das Gefühl, das ist ein viel intensiveres Verweilen im Wald als beim Wandern. Beim Wandern gibt es für mich auch einen gewissen Leistungsdruck. Man möchte einen guten Durchschnitt haben, eine gute Zeit haben beim Laufen. Beim Waldbaden aktivierst du ganz andere Sinneseindrücke, und es ist viel, viel entschleunigter, ganz ohne Zeitdruck.

Spaß im Wald: Peggy und Susanne Glas (Travelsanne)
Waldbaden macht Spaß: Travelsanne und Peggy sind dabei

„Unsere Gruppe bestand ja zum einen aus hochmotivierten, vielwandernden Menschen als auch aus älteren Semestern, die zum Teil Bedenken hatten, ob sie das körperlich schaffen. Und du hast die alle ganz gut unter einen Hut gebracht und das fand ich eigentlich besonders schön an der ganzen Sache.“

Susanne Glas

Peggy: Hast du während der Waldbaden-Runde eine Veränderung an dir bemerkt, im Kopf oder Körper?

Sanne: Ich habe bei der Waldbadenrunde wirklich abgeschaltet. Zum einen, weil ich natürlich selber nicht der Guide war, sondern du der Guide warst, aber ich konnte tatsächlich richtig gut abschalten und mich auf deine Aufgaben und Übungen einlassen. Das finde ich total cool, dass ich wirklich auch mal so ein bisschen das Zepter aus der Hand gebe und im Wald „bade“, mich im Hier und Jetzt versenken konnte. Also nur im Moment leben und nicht immer vorausplanen. Genau das stresst mich sonst oft beim Wandern. Das war jetzt beim Waldbaden wohltuend anders und hat mir besonders gut gefallen. Das lag auf jeden Fall auch an deiner hervorragenden, kompetenten Anleitung. Ich finde, du warst sehr einfühlsam und hast uns ganz gut mitgenommen, bist auch auf die ganzen Zielgruppen gut eingegangen.

Peggy: Gab es überraschende Elemente für dich an der Waldauszeit?

Sanne: Überraschend fand ich die Vielseitigkeit deiner Übungen, die reichte vom Aktivieren der Sinne bis zum Nachdenken über die Zukunft oder sich seine Zukunft als Vision vorzustellen. Wie vielseitig die Gedanken sind, die im Wald entstehen, und wie sich der Wald nutzen lässt, um diese Gedanken weiterzuspinnen. Das fand ich ganz überraschend.

Peggy: Nimmst du etwas mit für deine nächsten Reise-Abenteuer? In deinen Alltag?

Sanne: Auf jeden Fall, dass ich häufiger in den Wald gehen werde. Der Wald liegt direkt bei mir vor der Haustür, ich blicke auf den Schwarzwald, und du sagtest ja, Nadelwälder verströmen mehr Terpene als andere Wälder. Das heißt, ich werde ganz sicher die eine oder andere Waldauszeit machen und mir bewusst Zeit nehmen, um achtsam im Wald unterwegs zu sein und nicht nur so zielorientiert fokussiert, wie ich das bisher war. Ich finde es toll, was ich von dir gelernt habe an Wissen und Übungen. Am schönsten fand ich diesen Pfad der Dankbarkeit, der mir mal gezeigt hat, wie ich für mich das Ganze im Kopf sortieren kann, was ich alles besitze, wofür ich dankbar bin – das fand ich ein ganz schönes Bild, und ich glaube, das werde ich mitnehmen für meine nächsten Touren.

Peggy erklärt Shinrin Yoku an der Ruine Greifenstein
Sich Zeit nehmen im Schatten der Bäume

💐Vielen Dank, Susanne, für die Idee und dein Organisationstalent, diese Waldauszeit am Sonnwend-Wochenende auf die Beine zu stellen!

Willst du Waldbaden selbst ausprobieren?

Ob 19 oder 79, ob du ambitionierter Wanderprofi bist oder mit Sport nichts (mehr) am Hut hast: Wenn keine gesundheitlichen Bedenken dagegensprechen, probiere doch einfach aus, wie gut dir Waldbaden tun kann.

Lesetipp

Susanne Glas alias Travelsanne hat einen umfassenden Blogartikel über unsere Waldbadenrunde geschrieben: „Shinrin Yoku: Waldbaden auf japanische Art auf der Schwäbischen Alb


Sehen wir uns bald im Wald?

Ich bin Peggy, ausgebildete Trainerin und Kursleiterin für Waldbaden. Schreib mir gerne, wenn du mit mir in den Wald möchtest. Mit meinem Newsletter bekommst du alle paar Monate Inspirationen aus der Natur in deine Mailbox.

Peggy im Wald zwischen Felsen mit Metalshirt Summerbreeze

Quellen

  • De Frenne, P., Zellweger, F. et al.: „Global buffering of temperatures under forest canopies.“ Nature Ecology & Evolution, 2019.
  • https://www.forstpraxis.de/hitzefrei-im-wald-wie-laubwaelder-ihre-umgebung-kuehlen-22192
  • Park, B.J. et al.: „The physiological effects of Shinrin-yoku.“ Environ. Health Prev. Med. 2010, 15, 18–26.
  • Piva, G., Caruso, L. et al.: „Effects of forest walking on physical and mental health in elderly populations: a systematic review.“ Reviews on Environmental Health, 2022;39(1):121–136. DOI: 10.1515/reveh-2022-0093.
  • https://www.geo.de/natur/oekologie/terpene-im-wald-staerken-das-immunsystem-30178574.html

Bilder: Susanne alias Travelsanne, Tanja alias Tamima_Goes_Hiking, Peggy Wandel

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3 Kommentare

  1. Liebe Peggy,

    ganz herzlichen Dank für die tolle Waldauszeit mit dem Schwäbischen Albverein unter deiner Anleitung und das nette Interview!

    Hab einen schönen Sommer, viele Grüße,
    Sanne

    1. Hej Sanne,
      danke dir für die Initiative und Organisation des Shinrin Yoku Nachmittags! Würde mich freuen, wenn wir eine solche Waldauszeit wiederholen.
      Herzliche Grüße
      Peggy

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