Streuobstwiesen: Artenvielfalt und Klimaschutz vor der Haustür
Waldbaden auf der Wiese? Ja, das ist gerade im Frühjahr eine blütenreiche Variante von Shinrin-Yoku. Es bringt eine Prise Hanami ins Waldbade-Erlebnis, unter blühenden Obstbäumen tief durchzuatmen. Shinrin bedeutet im Japanischen „Wald“, Yoku bedeutet „Baden“. In diesem Blogartikel erfährst du mehr über das Wald- und Streuobstland Baden-Württemberg und den Wert von Streuobstwiesen. Ich teile eine Achtsamkeitsübung für Wald oder Wiese mit dir – und einen Strauß an Ideen für Klimaschutz vor der eigenen Haustür.

Was ich an meinem Hauptberuf als Texterin und Autorin so liebe: Ich lerne ständig dazu. Vor einigen Jahren erstellte ich die Inhalte für einen Flyer über Streuobstwiesen. Angesichts der blühenden Obstbäume kam mir dieses Frühjahr die Idee, diesen Naturraum fürs Waldbaden zu nutzen: Shinrin-Yoku auf der Wiese.
Neue Ideen fliegen mir oft zu, wenn ich draußen unterwegs bin. Eine blühende Fantasie gehört neben dem ABC zu meiner Grundausstattung. Und die Natur sorgt für Nachschub. Nicht nur wenn die Bäume oder Wiesen blühen, das ganze Jahr über sammle ich in der Natur Energie für Ideen.
„Shinrin-Yoku“ auf der Streuobstwiese
Folgende Übung kannst du im Wald oder auf der Wiese durchführen
Darum geht es: aufmerksam im Hier und Jetzt sein
Die Übung: Du gehst gemächlich in der Natur spazieren. Deine Gedanken und dein Blick dürfen umherschweifen. Dann bleibst du stehen, schließt deine Augen und spürst, wie stabil du auf dem Boden der Erde stehst. Wenn du die Augen wieder öffnest, woran bleibt dein Blick hängen? Konzentriere dich auf ein Objekt deiner Wahl. Das kann ein Baum, eine Blüte, ein Mooskissen sein. Was genau siehst du da, riechst du, hörst du, tastest du? Wenn du dich länger darauf konzentrierst, verändert sich dann deine Wahrnehmung?
Setze deinen Spaziergang fort und wiederhole die Übung später erneut. Sie schärft deine Aufmerksamkeit und hilft, mit deinen Sinnen im Hier und Jetzt zu sein.
Streuobstwiesen FAQ
Was unterscheidet eigentlich eine Streuobstwiese von einer Obstplantage? Darüber hatte ich mir jahrelang kaum Gedanken gemacht. Obwohl ich die Obstplantagen am Bodensee oder in Südtirol kenne, in denen die Obstbäumchen („Bäume“ wäre übertrieben) aufgereiht stehen wir Klonkrieger. Einen Apfelwurf von mir entfernt findet sich dagegen eine Streuobstwiese. In meiner Nachbarschaft residiert nämlich der örtliche Obst- und Gartenbauverein. Auf seinen lehrbuchgepflegten Wiesen finden regelmäßig Kurse in Baumschnitt und naturnahem Gärtnern statt. Bislang, ich gestehe es freimütig, ohne meine Teilnahme.

Obstplantagen oder Streuobstwiese?
Der Unterschied zwischen moderner Obstplantage und traditioneller Streuobstwiese fällt direkt ins Auge. In Obstplantagen stehen die Sorten meist dichtgedrängt in langen Reihen. Mit ihren niederen Stämmen gleichen sie oft eher Büschen als Bäumen. Sie sind auf maximalen Ertrag ausgelegt und bringen diesen bereits drei bis fünf Jahre nach Pflanzung. Damit das Obst möglichst makellos heranwächst, sind die Bäume oft verhüllt: Schutznetze sollen Hagel sowie hungrige Vögeln und Wespen abhalten.
Auf Streuobstwiesen stehen dagegen hochstämmige Bäume über die Wiese verstreut. Diese Obstbäume sind oftmals erst nach zehn Jahren ausgewachsen, bringen also aus wirtschaftlicher Sicht erst viel später Ertrag. Dieser Ertrag ist meist geringer als der von Plantagenbäumen. Wie groß ihr Wert dennoch ist, dringt seit einigen Jahren wieder stärker in unser Bewusstsein.
Warum sind Streuobstwiesen wertvoll für Klima und Artenvielfalt?
Auf Streuobstwiesen wie auch auf Obstplantagen wächst Obst. Damit hätten wir die Gemeinsamkeiten auch schon abgehakt. Denn anders als moderne Obstbaugebiete dienen Streuobstwiesen mehr als einem Zweck. Ihre verstreut stehenden Bäume binden mehr CO₂ und bieten Vögeln und Insekten ein Zuhause. Sonnenlicht dringt gut hindurch und begünstigt eine artenreiche Vielfalt aus Gräsern, Wildblumen, Stauden und Kräutern. Artenreichtum ist überhaupt das Stichwort: Auf klassischen Streuobstwiesen finden laut NABU mehr als 5.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten eine Heimat.
3 Fakten über Streuobstwiesen
- sind Biotope der Artenvielfalt und bieten Pflanzen und Tieren Lebensraum sowie Nahrung
- bedeuten aktiven Klimaschutz: sie binden CO₂ und reichern die Atemluft mit Sauerstoff an
- sind ein bedrohtes Ökosystem, ihre Zahl geht drastisch zurück
Zahlen zum Staunen
Ob Apfel, Kirsche oder Zwetschge: Streuobstwiesen sind ein Fundus an Vielfalt. Es gibt allein an die 30.000 Apfelsorten weltweit. In Deutschland sind rund 2.000 Sorten bekannt, von denen sich aber nur ungefähr 12 im Supermarkt wiederfinden. Wer seine eigenen Äpfel anpflanzt, kann das ändern. Also auf zu seltenen Sorten 😉

Willkommen im Wald- und Streuobstland
Baden-Württemberg ist Waldland und Streuobstwiesenland zugleich. Mit rund 1,4 Millionen Hektar Waldfläche (das sind knapp 40 Prozent der Landesfläche) gehört es zu den waldreichen Bundesländern Deutschlands. Wer hier lebt, hat das Glück, gleich zwei besondere Naturräume direkt vor der Haustür zu haben. Mit geschätzten 89.000 bis 111.000 Hektar findet sich hier die größte zusammenhängende Streuobstfläche Europas. Im Vorland der Schwäbischen Alb allein wird auf rund 30.000 Hektar Streuobst angebaut. Damit steht fast jeder zweite deutsche Streuobstbaum in „The Länd“. Seit 2021 zählt der Streuobstanbau zum Immateriellen Kulturerbe Deutschlands.

Blick in die Geschichte der Streuobstwiesen
Streuobstwiesen wirken wie aus der Zeit gefallene Landschaften. Tatsächlich ist diese Landschaftsform ein altes Konzept: Noch bis in die 1950er Jahre hatten viele Dörfer und Siedlungen intakte Streuobstwiesengürtel. Inzwischen sind diese oftmals Straßen und Bebauungsplänen gewichen – und zählen selbst zu den in Mitteleuropa am stärksten gefährdeten Biotopen. Der Naturschutzbund NABU beziffert den Rückgang der deutschen Streuobstbestände zwischen 1950 und 2010 auf bis zu 80 Prozent – von rund 1,5 Millionen Hektar auf etwa 300.000 bis 400.000 Hektar.
How to: Wie wird das Brachland zur Streuobstwiese?
Wer selbst eine Streuobstwiese anlegen oder eine bestehende pflegen möchte, kann sich einem Gartenbauverein oder Initiativen wie dem NABU anschließen. Oder auch allein loslegen. Allerdings lohnt es sich selbst beim Bepflanzen des eigenen kleinen Gartens, gewisse Grundsätze zu kennen (wie ich leider auch erst vor kurzem erfahren habe – hallo Kirschlorbeer vor meinem Küchenfenster…). So sind die bei Gartenbesitzern beliebten Kirschlorbeer- und Thuja-Sträucher für Vögel und Insekten wohl eher wertlos. Wer diesen ein Zuhause bieten möchte, ist mit einheimischen Pflanzen besser beraten. Tiere wie Insekten freuen sich über Sträucher wie Brombeere, Hainbuche, Haselnuss, Liguster, Schlehe oder Weißdorn. Also wenn möglich weg mit den ollen Thuja-Hecken.
Klimawiese: Mitmach-Angebote fürs Klima

Bei der Recherche über die Natur von Streuobstwiesen stieß ich vor Jahren auf ein junges Unternehmen aus Berlin. Die Idee von „Klimawiese„: Brachland umwandeln in Streuobstwiesen, Wildblumen- und Bienenweiden. Mein erster Gedanke war: Wieso sitzen die coolen Unternehmen meistens in Berlin? Ich meine, hallo, das Streuobstwiesen-Mekka Schwäbische Alb liegt direkt vor meiner Haustür, warum befinden sich solche Start-ups knapp 700 Kilometer nordöstlich davon? Darauf folgte zum Glück bienenschnell die Einsicht: Was für eine schöne Idee und was für eine gutgemachte Website. Und: Projekte von Klimawiese gibt es hier im Südwesten, zum Beispiel in Weinstadt nahe Stuttgart. Auch wer keine brachliegende Wiese hat, kann mitmachen und eine Blühpatenschaft übernehmen. Taugt auch als Geschenkidee für Menschen mit grünem Herzen oder Daumen.
Noch mehr Anregungen für dich
Informieren: „In der Gegenwart sterben hundert Mal mehr Arten aus als bei einer natürlichen, evolutionsbedingten Rate zu erwarten wäre“ erklärt Terra-X-Reporter und Artenschützer Dirk Steffens in dieser Dokumentation auf Youtube.
Engagieren: Verhaltensforscherin Jane Goodall motivierte mit ihrem Roots-&-Shoots-Programm Kinder und Jugendliche weltweit, sich für Umwelt, Tiere und Menschen einzusetzen. Auch wenn Jane Goodall inzwischen leider verstorben ist, lebt ihr Roots-&-Shoots-Programm weiter.
Die Seele baumeln lassen: Streuobstwiesen sind aber auch einfach zum Genießen da. Freu dich am Anblick der blühenden Obstbäume im Frühjahr, am Gesummse und Gebrumme der Insekten, am Obst und all den Leckereien, die sich daraus im Herbst zaubern lassen. Wie der Wald ist die Wiese ein faszinierender Lebensraum. Je länger du darin verweilst, desto mehr kommst du ins Staunen.
Wie du eine Streuobstwiese anlegst
Zum Weiterlesen hier eine Sammlung an Links:
• https://www.mein-schoener-garten.de/gartenpraxis/nutzgaerten/streuobstwiese-anlegen-37071
• https://www.gartenjournal.net/streuobstwiese-anlegen
• https://baden-wuerttemberg.nabu.de/natur-und-landschaft/aktionen-und-projekte/unternehmensnatur/index.html
• https://www.merkur.de/leben/wohnen/gartenpflanzen-umwelt-natur-artenvielfalt-hecken-kirschlorbeer-bambus-forsythie-90819399.html

Der Streuobst-Beitrag hat dir gefallen? Streuobstwiesen gibt es auch in deiner Nähe – und eine Auszeit dort brauchst du nicht lange zu planen.
Ich bin Peggy, ausgebildete Trainerin und Kursleiterin für Waldbaden. Schreib mir gerne, wenn du mit mir in den Wald – oder auf die Wiese – möchtest. Mit meinem Newsletter bekommst du alle paar Monate Inspirationen aus der Natur in deine Mailbox.
Quellen und Infos zu Streuobstwiesen
• https://www.klimawiese.de/oekobilanz-einer-wiese/
• https://gartenbauvereine.de/saarland_rheinland-pfalz/streuobst/obstwiesen/definition-streuobst
• https://baden-wuerttemberg.nabu.de/natur-und-landschaft/landwirtschaft/streuobst/
Alle Fotos: Peggy Wandel
