Shinrin Yoku im Park: Auszeit unter Bäumen

Was macht man eigentlich beim Waldbaden? Und funktioniert dieses Shinrin Yoku auch in der Stadt? Muss man dabei einen Baum umarmen? Im heutigen Blogartikel beantworte ich diese Fragen am Beispiel eines Waldbaden-Rundgangs, den ich im Mai bei einem Workshop-Wochenende geleitet habe. Im Text erfährst du auch, warum wir alle einen kopfstehenden Baum in uns tragen – und ich teile ein Zitat zum Thema Loslassen, das mich nicht mehr loslässt.

Ahorn am KSI in Siegburg
Blick aufs KSI und den Ahorn

Der Texttreff ist ein Netzwerk von Frauen in Textberufen. Beim jährlichen TT Workshop-Wochenende 2026 stieß mein Waldbaden-Angebot auf großes Interesse. Allerdings findet das Event mitten in der Stadt statt, im ehemaligen Kloster auf dem Michaelsberg in Siegburg. Zum Glück ist das Tagungszentrum umgeben von einem naturnahen Park. Den nutzte ich am 15. Mai mit zwölf Teilnehmerinnen für eine Runde Shinrin Yoku im Park: Zwischen Mittagessen und Nachmittags-Workshops blieben 90 Minuten für eine entspannte Auszeit mit Meditation, Atem- und Achtsamkeitsübungen. Da Waldbaden und Hektik nicht zusammenpassen, stellte ich sicher, dass keine vom Mittagessen weg oder zum nächsten Workshop hin hetzen musste.

Was macht man eigentlich beim Waldbaden?

Beim Waldbaden gibt es so viele Spielarten und Übungen wie Bäume im Wald, der hier beschriebene Rundgang kann dir daher nur einen kleinen Einblick in die Praxis geben. Ein kurzes Format von einer guten Stunde lässt Raum für wenige, gezielte Übungen. In Siegburg überlegte ich mir einen Rundgang mit fünf Stationen: Ankommen, Körperübung, Meditation, achtsames Gehen, Einzelübung am Baum.

Einstimmen vom Kopf bis zu den Füßen

Park mit Klostermauer Siegburg
Auch Spaziergänge im Stadtpark wirken

Vom Treffpunkt an der Rezeption führte ich die Gruppe hinaus unter einen mächtigen Ahornbaum. Zur Begrüßung gehörten drei Info-Punkte: Was machen wir heute, was ist Waldbaden, wie komme ich dazu? Wichtig war mir in diesem Fall auch zu sagen, dass ein Park zwar kein Wald, aber dennoch wirkt. „Wir fanden heraus, dass auch Spaziergänge in Tokios Stadtparks negative Emotionen wie Anspannung, Angst, Ärger, Niedergeschlagenheit, Müdigkeit und Verwirrung reduzieren und das Gefühl von Vitalität steigern“, so Professor Qing Li, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Shinrin-Yoku-Forschung an der Nippon Medical School in Tokio. Gemessen haben er und sein Team das mit dem POMS-Test, der „Profile of Mood States“-Skala – einem etablierten psychologischen Fragebogen, der Stimmungslagen erfasst.

1: Ballast an der Baumgarderobe abgeben

Die Auszeit im Park wirkt also ähnlich wie ein Waldbad: Sie ist gut zum Runterkommen, kann helfen, besser zu schlafen, die Gesundheit zu stärken und den Blick für die kleinen Glücksmomente zu schärfen. Innere Bilder können helfen, gedanklichen Ballast abzuwerfen. So wie die Baumgarderobe: „Stellt euch vor, dieser Ahorn ist unsere Baumgarderobe. Bei ihm könnt ihr alles abladen, was ihr auf unserem Rundgang nicht braucht – Sorgen, Kummer oder was auch immer euch belastet“.

Habitatbaum am KSI Siegburg
Habitatbaum am KSI Siegburg
Schild am Habitatbaum
Mehr über Habitatbäume

2: Locker tief durchatmen

Für die nächste Station im Park hatte ich mir eine Bewegungsfolge zurechtgelegt. Denn wer den ganzen Tag im Workshop sitzt, braucht zwischendurch Bewegung. Wir schüttelten Arme und Beine aus, klopften uns sanft ab, anschließend folgte eine abgewandelte Qi-Gong-Übung für das Nieren-Qi. Die Nieren gelten in der Traditionellen Chinesischen Medizin als die „Wurzel des Lebens“. Bei der anschließenden Übung „umarmender Baum“ konnten alle tief durchatmen und sich Richtung Himmel strecken.

Dazu passt ein Bild, das ich an dieser Stelle gerne weitergebe: Wir tragen einen kopfstehenden Baum in uns. Die Luftröhre ist sein Stamm, die Lunge mit ihren feinen Verästelungen seine Krone. Bis hinunter zu den Lungenbläschen – den Alveolen – verzweigt sich dieser innere Baum immer feiner. Vom ersten bis zum letzten Atemzug sind wir mit der Natur im Austausch: Die Blätter draußen nehmen unser CO₂ auf und geben uns Sauerstoff zurück. In uns geschieht das Gegenstück – wir nehmen den Sauerstoff auf und geben CO₂ ab. Dieser Kreislauf des Atems ist ein Geschenk. Die Natur verwandelt Verbrauchtes in Neues, ohne dass wir etwas dafür tun müssen.

3: Meditation unterm Dach der Kastanie

Zum Ankommen in der Natur hilft eine Meditation im Grünen. Denn wenn wir die Augen schließen, kommen unsere anderen Sinne stärker zum Zug. Wir nehmen Geräusche bewusster wahr, unterscheiden den Gesang verschiedener Vögel und hören das Rauschen der Blätter im Wind. Auch Gerüche lassen sich leichter wahrnehmen, wenn wir bewusst hineinschnuppern.
Eine geführte Meditation lädt ein, tief in den gegenwärtigen Moment einzutauchen und sich selbst zu spüren. Einen geschützten Ort dafür zu finden, ist in einem belebten Park nicht ganz einfach. An der gewaltigen Klostermauer, unter einem alten Kastanienbaum, fand sich ein schattiger und relativ ungestörter Platz für eine Stehmeditation.

Wildrosen mit Biene
Duftig: Wildrosen im Park

4: Vermesse deine Schritte mit deinem Atem

Achtsamkeit ist ein überstrapazierter und gleichwohl wichtiger Begriff. Für mich ist es eine Verabredung mit dem Leben im Hier und Jetzt. Vom vietnamesischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh stammt wohl die Empfehlung für Gehmeditationen: „Vermesse deine Schritte mit deinem Atem“. Beim langsamen Gehen konzentrieren wir uns auf unsere Schritte und unseren Atem. Dabei nehmen wir die Details der Natur um uns herum intensiver wahr, weil die Gedanken weniger abschweifen.
In Stille und mit gemessenen Schritten ging es die Stufen des Michaelsbergs hinunter und weiter in den Park hinein. Am Fuße des Hügels war das Gelände flacher und der stellenweise ungemähte Rasen gesäumt von Bäumen und Büschen.

5: Loslassen am Baum

„Bin ich froh, dass ich keinen Baum umarmen musste!“ – „Mein Baum hatte eine Kuhle, in die konnte ich mich hineinschmiegen wie in einen Sessel.“ – „Ich habe mich angelehnt und fühlte mich von ‚meinem‘ Baum super gestützt.“ – „Ich nehme mir vor, wieder öfter selbst in den Wald zu gehen. Es tut so gut und ist so einfach – doch ich mache es viel zu selten.“

Soweit ein paar der Eindrücke nach der Übung „Loslassen“. Dabei machen wir uns die Standfestigkeit und Stärke der Bäume zu Nutze. Schließlich sind Bäume die größten Lebewesen unserer Wälder und Parks. Wie wir Menschen tragen auch Bäume Narben, ächzen manchmal unter ihrer Last, leben sogar auf kargen Felsvorsprüngen – und wachsen dennoch weiter. Sie bereichern ihre Umgebung in jedem Zustand. Schon allein deshalb sind sie wunderbare Begleiter für eine Übung zum Loslassen.

Wie ich die Gruppe angeleitet habe:

„Nimm dir einen Moment Zeit und überlege in Ruhe: Was möchtest du heute hier im Park lassen? Was soll dich nicht mehr belasten? Vielleicht hast du auch einen Wunsch oder ein Ziel, für das du dir Unterstützung wünschst.
Suche dir dann einen Baum aus, der dich anspricht. Nimm Kontakt zu ihm auf, so wie es sich für dich stimmig anfühlt: Du kannst ihn berühren, dich an seinen Stamm lehnen, dich zu ihm setzen, ihn umarmen oder mit ihm sprechen. Bäume sind geduldig, verschwiegen und laufen nicht weg. Übergib dem Baum deine Last oder deinen Wunsch. Und wenn du so weit bist, bedanke und verabschiede dich.“

KSI Siegburg auf dem Michaelsberg mit Park
Blick vom Park zum KSI
Bienenbruder Adam, Imker
Bruder Adam im Bienengarten

Baum umarmen ist freiwillig

Damit sind auch die Fragen vom Anfang beantwortet: Ja, Shinrin Yoku funktioniert auch im Stadtpark. Und nein, niemand muss einen Baum umarmen. Beim Waldbaden sind alle Übungen freiwillig. Allerdings sind Bäume Lebewesen, noch dazu solche, die keine Widerworte geben und nicht weglaufen. Wenn du genau überlegst, ist es deutlich einfacher, einen Baum zu umarmen als einen Menschen. Es ist also definitiv einen Versuch wert 😊.

Zum Thema Loslassen habe ich während meiner Waldbaden-Ausbildung dieses Zitat des thailändischen Meditationslehrers Ajahn Chah gehört und gemerkt:

„Wenn du etwas loslässt, bist du etwas glücklicher.
Wenn du viel loslässt, bist du viel glücklicher.
Wenn du ganz loslässt, bist du frei.“

Ajahn Chah

Nach dem Loslassen am Baum spazierten wir gemeinsam zu unserem Ausgangspunkt unter dem großen Ahorn zurück und mit mehr Leichtigkeit in den Workshopnachmittag hinein. Denn kaum eine wollte wieder etwas an der Baumgarderobe abholen.

Was ist der Texttreff?

Der Texttreff ist ein Netzwerk für Frauen in Kommunikationsberufen – für mich und viele andere ist es das beste Netzwerk der Welt. Denn wir teilen offen Erfahrungen und helfen und bestärken uns gegenseitig. Ich bin seit 2016 dabei und freue mich jedes Jahr auf das TT-Workshop-Wochenende im KSI in Siegburg. Ob Texterin, Journalistin, Autorin, Übersetzerin oder Lektorin, ob PR-Frau, Redakteurin oder Social-Media-Managerin, selbstständig oder angestellt – jede Frau, die beruflich mit Buchstaben jongliert, kann sich im Texttreff einbringen und Textine werden. Mehr unter: www.texttreff.de

Der Waldbaden-im-Park-Beitrag hat dir gefallen? Einen Park oder sogar Wald gibt es auch in deiner Nähe – und eine Auszeit dort brauchst du nicht lange zu planen.
Ich bin Peggy, ausgebildete Trainerin und Kursleiterin für Waldbaden. Schreib mir gerne, wenn du mit mir in den Wald möchtest. Mit meinem Newsletter bekommst du alle paar Monate Inspirationen aus der Natur in deine Mailbox.

Quelle Zitat:
https://www.zitate-und-sprichwoerter.com/zitate-freiheit/5951

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