Wenn ich morgens ins Büro gehe oder radle, komme ich an drei mittelalten Eichen vorbei. Obwohl dieser Sommer extrem heiß und trocken war, fand ich darunter schon im August große, sattgrüne Eicheln, die Früchte der Eichen. Das tägliche Zusammentreffen mit diesen stillen Nachbarn hat mich auf die Idee gebracht, ihnen einen Blogartikel zu widmen. Denn es gibt Erstaunliches über Eichen zu erzählen.

Eichen sind Mega-WGs
Bei genauerem Hinsehen ist es auf Eichen alles andere als still. Sie gleichen eher Megastädten. In Mitteleuropa beherbergen Eichen mehr Mitbewohner als andere Baumarten. Über 1.000 Käferarten, rund 180 Schmetterlingsarten und um die 500 weitere Insektenarten haben Forschende auf ihnen nachgewiesen. Damit ist die Eiche eine der artenreichsten Baumarten bei uns in Süddeutschland.
Dieser Vielvölkerstaat hat seinen Ursprung unter der Erde. Eichen gehen eine Partnerschaft mit Pilzen ein, deren feines Geflecht sich um die jüngsten Wurzeln legt. Die Pilze verbessern die Wasserversorgung des Baums und helfen ihm, Phosphor und Stickstoff aufzunehmen. Im Gegenzug bekommen sie von der Eiche Zucker serviert, denn den können sie selbst nicht herstellen.

Auch oberirdisch setzt die Eiche auf kooperative Mitbewohner, um ihre Nachfolge zu sichern. Wobei sie verglichen mit uns Menschen ein Spätzünder ist: Erst mit 60 Jahren wird die Eiche geschlechtsreif und kann Früchte hervorbringen. Eichelhäher vergraben im Herbst Hunderte Eicheln als Wintervorrat, finden aber – wie die Eichhörnchen – nicht alle Verstecke wieder. Aus diesen vergessenen Eicheln wachsen neue Eichen, oft an Stellen, an die der Baum selbst nie gelangen würde. Allerdings nur dort, wo genug Sonnenlicht bis zum Boden dringt: Eichen sind eine Lichtbaumart, keine Schattengewächse.

Das Kraftwerk im Innern der Eiche
Bis ich morgens am Schreibtisch ankomme, ist die Eiche längst bei der Arbeit. Denn innerlich ist sie ein Workaholic. Eine rund 160 Jahre alte Eiche schmückt ihre Krone im Sommer mit bis zu 150.000 grünen Blättern. Jedes dieser Blätter ist eine kleine Fabrik in sich. Diese Blattfabriken betreiben Photosynthese: sie verarbeiten Sonnenlicht, Wasser und Kohlendioxid zu Zucker und produzieren also ihre eigene Nahrung. Im Lauf eines Jahres verarbeitet eine – mit 160 Jahren botanisch vergleichsweise junge Eiche – rund 6.000 Kilogramm CO₂ zu 4.500 Kilogramm Sauerstoff.
Im Stamm der Eiche stecken beeindruckende Wasserleitungen. Über das Jahr braucht sie rund 31.000 Liter Wasser. Mich beeindruckt die Vorstellung, wie so eine Eiche an einem heißen Sommertag Hunderte Liter Wasser bis hinauf in ihre mächtige Krone presst. Dafür hat sie nicht einmal eine Pumpe; ihr Motor sind Verdunstungssog und Kapillarkräfte. Um an Wasser zu kommen, hat sie unter der Erde früh eine kräftige Pfahlwurzel angelegt. Mit ihren Wurzeln kann die Eiche auch stark verdichteten Boden durchdringen, um an Grundwasser zu gelangen.
Der kopfstehende Baum in uns
Aus unserem menschlichen Atem-Abfall, dem Kohlendioxid, machen Bäume neuen Sauerstoff. Mir gefällt dazu das Bild vom kopfstehenden Baum, den wir Menschen in uns tragen: Die Luftröhre ist der Stamm, die Lunge mit ihren feinen Verästelungen bildet seine Krone. Über diesen „inneren Baum“ sind wir Menschen vom ersten bis zum letzten Atemzug mit der Natur im Austausch.

Die Strategie der Eiche für Hitzesommer
In heißen, trockenen Sommern kann die Eiche zu drastischen Maßnahmen greifen. Sie wirft ganze Zweige samt Blättern ab, um ihre Oberfläche zu verringern und so weniger Wasser zu verdunsten. Bevor sie die Zweige abwirft, bildet sie an den Trennstellen ein Gewebe, so dass die Wunde quasi schon verheilt ist, sobald sie entsteht. Wenn du also im Sommer Zweige mit grünen Blättern unter den Bäumen findest, ist das kein Zeichen von Krankheit, es ist vielmehr ein gezielter Schutzmechanismus. Fegen im Herbst Stürme übers Land, kann selbst eine standhafte Eiche wanken. Ab etwa 100 Stundenkilometern Windgeschwindigkeit können ausgewachsene Eichen umstürzen, vor allem wenn der Boden vom Regen aufgeweicht sein sollte und die Wurzeln weniger Halt finden.

Das Winterkleid der Eiche
Während ich bei Frost die Heizung aufdrehe oder den Ofen anheize, können Bäume sich nicht an einen geschützten Ort zurückziehen. Deshalb leben sie vorausschauend und begeben sich im Spätherbst in die Winterruhe. Sie fahren ihren Stoffwechsel herunter und Laubbäume werfen ihre Blätter ab (wobei manche Eichen ihre Blätter bis zum Frühjahr behalten, aber das ist ein anderes Thema).
Die Eiche besitzt sogar eine Art Wintermantel: In ihrer Borke sitzen unzählige winzige Luftkammern, die die Kälte abhalten. Bei Frost droht das Wasser in den Pflanzenzellen zu gefrieren, was tödlich enden kann. Deshalb können manche Bäume, wie die Eiche, eine Art „Frostschutzmittel“ herstellen, das ihr Gewebe vor dem Erfrieren bewahrt. Sie reduzieren den Wassergehalt in ihren Zellen und lagern bestimmte Zucker und andere Stoffe ein, die den Gefrierpunkt des Zellsaftes senken. Auf diese Weise überstehen sie Temperaturen von minus 20 oder sogar bis minus 40 Grad. Übrigens treiben Bäume nach harten Wintern im folgenden Frühjahr oft sogar besonders kräftig aus; die Kälte scheint sie also zu stärken. Warum genau das so ist, daran wird noch geforscht.
Tod einer Eiche
Eichen sind widerstandsfähige Bäume und gehören zu den langlebigsten Baumarten. Daher kann es Hunderte von Jahren dauern, bis sie erkranken oder im Sturm entwurzelt werden. Mit ihrem Tod endet ihr Wirken nicht. Ast für Ast stirbt ab, die Krone lichtet sich, bis nur noch ein blattloses Gerippe in den Himmel ragt. Was stehen bleibt, ist ein sogenannter Habitatbaum – ein Lebensraum für viele Arten. Spechte zimmern Höhlen ins morsche Holz und wenn sie weiterziehen, übernehmen Fledermäuse oder Siebenschläfer als Nachmieter die fertige Wohnung.
Ob stehend oder umgestürzt: Darf der Stamm im Wald verbleiben, kann er noch jahrzehntelang Lebensraum sein, bevor er ganz im Waldboden aufgeht. Insekten und ihre Larven zersetzen das Totholz im Team mit Pilzen und Bakterien. Holzbewohnende Käferarten legen ihre Eier unter die Rinde, Pilze durchziehen den Stamm mit ihrem feinen Geflecht und verwandeln das einst harte Holz Stück für Stück in Erde. Seine Nährstoffe werden zu Dünger für die nächste Baumgeneration, die oft längst in seinem Schatten herangewachsen ist. Das ist der Kreislauf des Lebens.
Welche Eiche steht da eigentlich?
Je mehr ich mich mit dem Wald beschäftige, desto mehr will ich darüber wissen. War ich früher froh, die gängigen Laubbäume wie Buchen, Eichen oder Ahorn direkt zu erkennen, frage ich mich heute: Welche Unterarten gibt es eigentlich? Was ich auf dem Weg zur Arbeit oder beim Spaziergang durch den Wald als Eichen ansehe, ist meist eine von drei heimischen Arten. Die Stieleiche ist in der Region Neckaralb und auf der Schwäbischen Alb die häufigste Eichenart. Ihre Blätter sitzen fast ohne Stiel am Zweig, dafür hängen ihre Eicheln an langen Stielen – daher der Name.
Während die Stieleiche feuchte Auen liebt, bevorzugt die Traubeneiche die trockenen, wärmeren Hügellagen. Ihre Blätter hängen an gut sichtbaren Stielen, dafür sitzen die Eicheln fast stiellos, wie Trauben, aufeinander. Dann gibt es noch die eher seltene Flaumeiche, die ihren Namen der flaumig behaarten Unterseite ihrer Blätter verdankt. Ihre Zeit könnte mit dem Klimawandel kommen, denn sie gedeiht in Deutschland bislang fast nur an den sonnigen, trockenen Hanglagen, am Kaiserstuhl und ab und zu auch an warmen Kalk-Steilhängen bei uns auf der mittleren Schwäbischen Alb.
Auf einen Blick: Zahlen zu einer rund 160-jährigen Eiche
- Ihr Laubkleid kann 150.000 Blätter umfassen
- Rund 6.000 kg CO₂ verarbeitet sie pro Jahr zu circa 4.500 kg Sauerstoff
- Hunderte Liter Wasser transportiert sie an einem heißen Tag von den Wurzeln in die Krone
- Von Frühjahr bis Herbst filtert sie bis zu einer Tonne Giftstoffe aus der Luft
Lesetipp
Mehr zur Eiche als Mythos und Heilpflanze – von den Kelten bis zu Robin Hood – findest du hier im Blog: Die Waldapotheke: Die Eiche, der König des Waldes.
Sehen wir uns bald im Wald?
Eine Auszeit im Wald entschleunigt und wirkt sich positiv auf Körper und Geist aus. Ob allein, mit Freunden oder im Team: Ich freue mich über Anfragen und stelle gerne ein passendes Waldbaden-Programm zusammen.

Quellen Thema Eiche:
- GEOkompakt Nr. 52, „Unser Wald“, Ein Jahr im Leben einer Eiche (Text: Sebastian Witte)
- https://www.forstpraxis.de/klimabaum-eiche-trockentolerant-und-fit-fuer-den-klimawandel-22701
- www.waldgeschichten.com/schoenheit-vielfalt/tiere-im-wald/eichen-krone-der-artenvielfalt
- www.waldwissen.net/de/lebensraum-wald/baeume-und-waldpflanzen/laubbaeume/in-und-an-der-eiche
- Fotos: Peggy Wandel, wenn nicht anders gekennzeichnet
