Eine Woche ohne WLAN
Schnee satt im Winterurlaub fernab vom Skizirkus – das findest du im hohen Norden Europas. An Ostern verbrachte ich mit meiner Familie eine Woche auf dem Gehöft Solberget mitten in der Wildnis. Kein Strom, kein fließend Wasser, dafür Schnee, Sauna und Skitouren durch die Wälder nördlich des Polarkreises. Digital-Detox-Urlaub in Schweden 😊. Mit leckerem Essen und einer entspannten Gemeinschaft. Inmitten der Stille, mit Rentierfernsehen, bergeweise Schnee und Polarlichtern fand ich mein Winterglück.
Ich liebe Schnee. Daher der Wunsch: Auch meine beiden Kinder sollten im Winterurlaub (wenigstens ein paar Tage in ihrem Leben) Schnee in Fülle erleben. Außerdem standen die Polarlichter im hohen Norden seit Jahren auf meiner „Bucket List“. Nachdem die Pandemie zweimal unsere Reisepläne durchkreuzt hatte, sollte nun nichts mehr dazwischenkommen und der Winterurlaub in Schweden endlich wahr werden. Allerdings waren unsere Kinder mittlerweile zu Teenagern geworden und fanden die Aussicht nicht mehr so prickelnd: „Eine Woche ohne Wasser und Strom, ohne WLAN?“
Die Trauer mit in die Stille nehmen
Fast wären wir wieder nicht gefahren. Meine Schwiegereltern verstarben kurz vor Ostern im Abstand von nur vier Tagen. Die Abschiedsfeier fand einen Tag vor unserer Abreise Richtung Schweden statt. Im Nachhinein war es eine gute Entscheidung, dennoch zu fahren. Zum Trauern, zum Durchatmen und Runterkommen war die Woche in der Wildnis die beste Idee. Weg von allem, vom Alltag, von den Verpflichtungen, raus aus Digitalien.



Mit Zimtschnecken in den Nachtzug
Als vierköpfige Familie flogen wir von Stuttgart nach Stockholm. Im Zug vom Flughafen Arlanda in die Stadt kamen mir die drei Mädels gegenüber so bekannt vor. Na klar, sie gehören zu Thundermother – die Band habe ich schon mehrfach auf der Bühne erlebt. In Stockholm angekommen, verbrachten wir den Tag an den zugefrorenen Schären und in der Gamla Stan, der Altstadt. Mit einer großen Tüte Zimtschnecken im Gepäck bestiegen wir spät am Abend den Zug nach Lappland. Rund 14 Stunden dauerte die Zugreise in den Norden. Unser Endhalt war der Bahnhof Nattavara, rund 20 Kilometer von unserem Ziel entfernt – dort holte uns das Solberget-Team mit dem Auto ab.



Zuhause in der Holzfällerhütte
Gastgeber Dirk Hagenbuch nahm uns herzlich in Empfang und führte uns über das Gelände rund um Haupthaus, Hütten und Rentiergehege sowie zur nahegelegenen Quelle. Meine Familie bekam die urige Holzfällerhütte als Wohnstätte zugeteilt. Im Innern beeindruckte mich besonders die fellbezogene Tür.



Reduziert leben im Rhythmus von Stille und Natur
Es dauerte keinen Tag, bis der hektische Familien-Berufs-Alltag komplett verblasste und wir in einen neuen Rhythmus verfielen. Holz und Wasser holen, das Feuer im Herd schüren, die Petroleumlampe vorsichtig befüllen und entzünden – neue und doch ursprüngliche Verrichtungen bestimmten unseren Alltag. Zuhause bin ich froh um Strom und Spülmaschine, doch hier, im Polarwald, wirkten diese Tätigkeiten erdend und entschleunigend. Der schneebedeckte Winterwald um uns herum dämpfte Geräusche und hüllte uns ein wie eine weiche Decke. Der klare Sternenhimmel bei Nacht, die kalte Winterluft, die Sonne und vor allem die tiefe Stille taten richtig gut.



Fortbewegen im Schneeland
Auf dem Gehöft gab es Trampelpfade durch den Schnee. Sie führten vom Haupthaus zu den Hütten, zum Brunnen und zur Quelle, zum Rentiergehege, zur Sauna und zu den Toilettenhäuschen. Abseits dieser festgetrampelten Wege, auf denen wir uns in Winterstiefeln frei bewegten, lag ein Meer aus Schnee. Zum Zeitpunkt unseres Aufenthalts war die Schneedecke rund 1,5 Meter tief. Ohne Schneeschuhe oder Skier sank man bis zur Hüfte ein. Deshalb bekamen wir gleich nach der Ankunft altnordische Holzskier geliehen, auf denen wir fortan die Winterwelt erkundeten. Sie gehörten zur Grundausrüstung – wie die Schlitten, mit denen wir Trinkwasser von der Quelle holten, Brauchwasser aus dem Brunnen und Holz zum Heizen transportierten.
Der boreale Urwald
Ein Urwald im hohen Norden? Für mich als Shinrin Yoku- und Waldfan war allein das schon Grund genug, diese Reise zu unternehmen. Die Urwälder des Muddus-Nationalparks sind nur 50 Kilometer von Solberget entfernt. Dort steht übrigens Schwedens älteste bekannte Kiefer. Sie wird auf mindestens 710 Jahre geschätzt – und hat schon im Jahr 1413 einen Waldbrand überlebt.
Die Wälder gehören zur skandinavisch-russischen Taiga – der größten Ökoregion Europas. Hier wachsen vor allem Waldkiefer und Fichte, dazwischen auch viele Birken wie Moor- und Hängebirken. Die Rinde der Birken wird hier oben zum Feuermachen verwendet, sie brennt besser als jeder Grillanzünder aus dem deutschen Supermarkt. Die Kiefern hier oben werden 300 bis 600 Jahre alt und lieben den kargen, sandigen Boden gesäumt von Felsen und Mooren.
Was futtern Rentiere im Winter?
Schnee und Flechten zierten die Bäume, im Licht der tiefstehenden Sonne funkelte es märchenhaft. Von den Zweigen hingen Rentierflechten und glichen Christbaumschmuck, grau und grün schimmerten sie wie Korallenteppiche. Diese Flechten überleben Temperaturen bis zu Minus 40°C und sind im Winter die wichtigste Nahrungsquelle für Rentiere. Die Flechten wachsen extrem langsam und können rund 100 Jahre alt werden. Wenn sie nicht vorher im Rentiermagen landen, klar.[i]
[i] https://arcticwildlifeknowledge.com/reindeer-lichen-cladonia-rangiferina-2/



Auf Skitour durch den Winterwald
Das Wetter war fast die ganze Woche sonnig. Der Schnee wurde somit schnell weich – daher brachen wir am Morgen nach der Ankunft zeitig unter Dirks Führung zur ersten Skitour auf. Querfeldein oder auf noch vorhandenen Spuren ging es einmal auf den Hügel „Solberget“. Oben angekommen schnallten wir die Skier ab, machten uns über das mitgebrachte Picknick her und bestiegen den alten Brandwachtturm, um das Umland zu überblicken. Weiße Flächen, unter denen sich Moor und Wasser verbargen, wechselten sich ab mit bewaldeten Hügeln. Weit und breit sahen wir keine Anzeichen menschlicher Siedlungen. Eine verlassene Farm war das Ziel der nächsten Tour. Da es im Laufe der Woche nicht mehr schneite, fiel uns die Orientierung zunehmend leichter (man folge den alten Spuren im Schnee) und so zogen wir zu zweit oder alleine mit den Skiern los.


Schnee satt als Baumaterial
Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen: Die Iglus, die meine Eltern mit meinem Bruder und mir aus Schnee im Garten bauten. Für meine Kinder dagegen gab es bislang kaum schneereiche Winterepisoden. Deshalb war selbst bei Teenagern das Handy in Solberget schnell vergessen – der Schnee lockte sie nach draußen (okay, es gab drin auch keine Steckdosen). Die insgesamt acht Kinder und Jugendliche, die für diese Woche zu Gast auf Solberget waren, schlossen sich zu einer Clique zusammen. Sie bauten Schneeburgen, Schneehöhlen und einen Sitzkreis aus Schneesesseln, aus denen sie abends nicht in die warme Sauna zu bewegen waren (uncool, machen nur Eltern).


Mein Fazit
Durch den Winterwald streifen, die Ruhe und Abgeschiedenheit spüren, abends am Feuer sitzen, aus der Sauna in den Schnee hüpfen und nach Polarlichtern Ausschau halten: Für mich war die Woche auf Solberget gerade in ihrer Reduziertheit eine der schönsten Reisen; wohltuend, erdend und heilsam.

Solberget: Praktische Infos
Programm
Wohltuend reduziert ist auch das Programm auf Solberget:
- Mit etwas Glück: Nordlichter gucken
- Skitouren auf Langlaufskiern durch die Umgebung, übers zugefrorene Moor und durch die Wälder (oben am Hügel Ski geradestellen, Schneise anvisieren und abfahren)
- Rentiere anspannen und mit dem Rentierschlitten durch die Winterlandschaft sausen
- Abends Sauna mit „Rentierfernsehen“ (denn deren Gehege liegt neben der Sauna)
- Beim samischen Abend in der Jurte den Geschichten eines Rentierzüchters lauschen
- Am Lagerfeuer „Waldkaffee“ kochen und Würstchen grillen
- Sehr lecker essen (Elch, Rentier, Lachs aus der Nähe & Veggie-Alternativen)
- Schwedische Kaffeepausen, genannt „Fika“
- Spielen, lesen, spazieren, Seele baumeln lassen
Wer mehr Action will, fährt ins Eishotel oder bucht eine Hundeschlittentour
Lage: Wo liegt das Wildnisdorf Solberget?
Das Gehöft Solberget liegt im Norden Schwedens mitten in den norrländischen Wäldern. Ringsum gibt es gleich drei Naturschutzgebiete. Die Region gehört zur Gemeinde Gällivare im schwedischen Lappland, nördlich des Polarkreises.[i] Im Winter verwandeln sich die Seen und Moore in gefrorene Ebenen. In der Sprache der Sami bedeutet das Wort für großes Moor „áhpe“, es ist dasselbe Wort wie für Ozean. Jetzt im Winter sind sie wunderbare Wandergebiete für Menschen und Tiere, frei von Stechmücken.
[i] https://www.naturesbestsweden.com/en/company/wilderness-retreat-solberget-en/
Solberget im Winter
Solberget heißt auf Deutsch Sonnenberg. Namensgeber ist der Hausberg des Gehöfts. Auf ihm wacht ein alter Brandwachturm über die umliegenden Wälder. Der schwedische Ökotourismusverband hat das Wildnisdorf ausgezeichnet – für uns war es dennoch ein „Geheimtipp“ (danke an meine Freundin Corre 😊). Der Hof selbst stammt aus dem 18. Jahrhundert, wie hingewürfelt liegen die schwedenrot-gestrichenen Holzhäuser auf der Waldlichtung im Schnee. Drinnen prasselt das Feuer in den gusseisernen Öfen, die Heizung und Herd zugleich sind. Petroleumlampen erhellen die Hütten. Durst? Dann auf mit dem Schlitten frisches Quellwasser holen. Das Brauchwasser zum Waschen und Geschirr spülen gibt es etwas näher im Brunnen. Neben diesem „back to the roots“ Programm genießen wir lappländische Küche und Kultur.[i]
Übrigens: Wer die ganze Reise nach Solberget in Schweden mit dem Zug unternimmt, dem winkt neben dem guten Gewissen ein Preisnachlass. Bei uns war das wegen der starren Osterferien der Kinder zeitlich nicht möglich.
[i] https://solberget.com/winterurlaub-schweden/skifahren-rentierschlitten-und-sauna-baden/
Der Artikel über unsere schneereiche Winterreise nach Nordschweden hat dir gefallen? Für eine Digital Detox Einheit im Wald brauchst du nicht gleich ans nördliche Ende Europas fahren – eine Auszeit im Wald gibt es schon vor der Haustür. Ich bin Peggy, Schneefan sowie ausgebildete Trainerin und Kursleiterin für Waldbaden. Schreib mir gerne, wenn du mit mir in den Wald möchtest. Mit meinem Newsletter bekommst du alle paar Monate Inspirationen aus der Natur in deine Mailbox.


Hallo Peggy,
ein wunderschöner Bericht und ich würde sofort hochfahren wenn ich könnte!😃
Ganz liebe Grüße Stephie 🌞
Danke, Stephie! Ich würde auch wieder hinfahren. Sonnige Grüße von Peggy