Pilze

Paul Stamets, Star Trek und ein unsichtbares Netz

Der echte Paul Stamets erforscht Pilze, die Böden entgiften und Bäume vernetzen. Der fiktive Paul Stamets reist auf einem Raumschiff durchs All. Beide verbindet eine spannende Geschichte. Sie handelt von Pilzforscher Paul Stamets und wie er zur Inspiration für Star Trek wurde. Vor allem aber geht es um die faszinierende Lebenswelt auf und unter der Erde: das Reich der Pilze.

Pilze sind weder Pflanze noch Tier. Als „sesshafte“ Lebewesen zählte die Wissenschaft sie lange zu den Pflanzen, doch sie betreiben keine Photosynthese. Wie Tiere ernähren Pilze sich von organischen Substanzen. Daher gelten sie inzwischen als näher mit den Tieren verwandt. Doch Pilze sind eine Klasse für sich. Um sie kreist eine eigene Wissenschaft, die Mykologie.

Das größte Lebewesen der Welt – ein Pilz

Blume oder Pilz?

Was haben Pilze und Eisberge gemeinsam? Bei beiden sehen wir nur einen Bruchteil ihres Körpers. Denn die Hütchen mit Stiel im Herbstwald verbergen unter der Erde ein weit verzweigtes Geflecht aus feinen Fäden, das Myzel. In den Wäldern von Oregon entdeckten Forscher das größte bekannte Lebewesen der Erde[1].

Es handelt sich um einen Hallimasch, der seit etwa 2.400 Jahren existiert. Sein Myzel erstreckt sich über neun Quadratkilometer und wiegt wohl mehr als vier Blauwale. Und wir Menschen haben ihn erst im Jahr 2000 entdeckt. So viel zur Frage, wie gut wir unseren Planeten kennen.

Star Trek Discovery: Der Sporenantrieb

Seit Captain Kirk mit „Raumschiff Enterprise“ unbekannte Galaxien erforschte, gibt es immer wieder neue Serien im Star-Trek-Universum. 2017 kam „Star Trek: Discovery“ auf die Bildschirme. Und nein, das ist jetzt kein krasser Themenwechsel, denn die Antriebstechnologie der Discovery basiert auf Pilzen. Und zwar nutzt das Raumschiff USS Discovery einen Sporenantrieb, ein „myzelliales Netzwerk“. Dabei handelt es sich – so die Fiktion – um ein Pilzgeflecht, das sich durch die gesamte Galaxie zieht. Damit katapultiert Paul Stamets das Schiff über riesige Distanzen. Schneller als Warpgeschwindigkeit und angetrieben von Pilzen.

Paul Stamets wird in Star Trek Discovery verkörpert von Schauspieler Anthony Rapp

Lieutenant Commander Paul Stamets, gespielt von Anthony Rapp, ist bei Star Trek die zentrale Figur hinter der Technologie. Er ist Astromykologe, also ein Wissenschaftler, der Pilze im Weltraum erforscht. Der fiktive Stamets verbindet sich körperlich mit dem myzellialen Netzwerk und navigiert das Schiff so durch den Kosmos. Das ist Science-Fiction, klar. Doch Paul Stamets gibt es wirklich.

Anthony Rapp, Darsteller von Lt. Cmdr. Paul Stamets in „Star Trek: Discovery“, auf der San Diego Comic-Con 2017. Foto: vagueonthehow / Wikimedia Commons / CC BY 2.0

Der echte Paul Stamets: Mykologe und Trekkie

Paul Stamets ist Mykologe. Der 1955 geborene US-Amerikaner forscht seit mehr als 40 Jahren auf diesem Gebiet und gilt als einer der einflussreichsten Pilzforscher unserer Zeit. Er hat mehrere Bücher geschrieben, darunter das auf Deutsch erschienene „Mycelium Running: How Mushrooms Can Help Save the World“. Zudem betreibt Stamets mit „Fungi Perfecti“ ein Unternehmen, das Pilzprodukte mit Forschung verbindet. Doch Stamets hat noch andere Leidenschaften. Als die Produzenten von „Discovery“ anfragten, ob sie einen Charakter nach ihm benennen dürften, sagte Stamets begeistert zu. Er schickte ihnen postwendend ein Foto seines Ferienhauses in British Columbia. Es ist der „Enterprise“ nachempfunden, denn Stamets ist ein echter Star-Trek-Fan, ein „Trekkie“.  

Paul Stamets mit einem Agarikon-Pilz
Paul Stamets mit einem Agarikon-Pilz (Laricifomes officinalis). Foto: Dusty Yao-Stamets, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Die Superkräfte der Pilze

Infokasten: Was Pilze laut Paul Stamets alles können
Was Pilze laut Paul Stamets‘ Forschungen alles können

Stamets ‚ Forschung zeigt, dass Pilze faszinierende Fähigkeiten haben[2]. Einige seiner Arbeitsbereiche:

Mykoremediation: Pilze als Umweltretter

Es gibt Pilzarten, die kontaminierte Böden reinigen können. Sie bauen Giftstoffe ab, darunter Erdöl, Pestizide und Schwermetalle. In Experimenten haben Austernpilze ölverseuchte Erde innerhalb weniger Wochen in fruchtbaren Humus verwandelt.

Pilze als Material

Das Myzel (auch „Mycel“) ist das unterirdische Netzwerk aus Pilzfäden (Hyphen). Es lässt sich zu erstaunlichen Materialien verarbeiten. So kann das Myzel Styropor ersetzen – ohne Erdöl, dafür biologisch abbaubar. Unternehmen experimentieren bereits mit Pilzverpackungen, Pilzleder und sogar Baumaterialien aus Myzel. IKEA testet Verpackungen aus Pilzmaterial als Alternative zu Styropor[3]. Und der New Yorker Architekt (oder Fungi-Tekt?) David Benjamin will Pilze als Baumaterial für menschliche Häuser nutzen[4].

Pilze in der medizinischen Forschung

Paul Stamets forscht intensiv an den medizinischen Eigenschaften von Pilzen[5]. Einige Arten stärken nachweislich das Immunsystem. Als bei Stamets Mutter Brustkrebs diagnostiziert wurde, bezifferten ihre Ärzte ihre Lebenserwartung nur noch mit drei bis vier Monate. Patty Stamets machte eine Chemotherapie, ihr Sohn gab ihr zudem Extrakte aus dem Truthahnschwanz (Trametes versicolor) – immunstimulierende Präparate aus Schmetterlingsporlingen. Und sie wurde wieder gesund. Stamets ist davon überzeugt, dass die Pilze daran entscheidenden Anteil hatten.[6]

Das „Wood Wide Web“

Etwa 30 Prozent der Bodenmasse in Wäldern besteht aus Pilzmyzel. Dieses Netzwerk verbindet Bäume untereinander – Forscher sprechen vom „Wood Wide Web“. Über das Myzel tauschen Pflanzen Nährstoffe und Informationen aus. Wird ein Baum von Schädlingen befallen, kann er über das Pilznetzwerk benachbarte Bäume „warnen“, die dann vorsorglich Abwehrstoffe produzieren. Es existiert also ein alternatives Internet in den Wäldern. Dass es auch im Weltall ein galaxieumspannendes Netzwerk aus Pilzfäden gibt, ist Science-Fiction. Wir wissen nicht, ob Pilze außerhalb der Erde existieren. Doch die Inspiration dahinter ist real. Die Drehbuchautoren von „Discovery“ haben sich intensiv mit Stamets‘ Arbeit beschäftigt. Die Idee, dass Pilznetzwerke Informationen übertragen und verschiedene Punkte miteinander verbinden, stammt direkt aus der Mykologie. Und wir wissen noch nicht viel über die Welt der Pilze.

Unerforschtes Terrain

Wissenschaftler schätzen, dass es zwischen zwei und vier Millionen Pilzarten auf der Erde gibt. Beschrieben sind bisher etwa 150.000 – das bedeutet, wir kennen vielleicht fünf Prozent dessen, was unter unseren Füßen und in den Wäldern lebt. In der Mykologie steckt also noch viel unentdecktes Wissen. Der echte Paul Stamets meint: „Pilze können die Welt retten.“ Ob er damit recht hat, weiß ich nicht. Doch sicherlich steckt in den Netzwerken der Pilze noch viel Weltbewegendes, das nach heutigem Stand wie Science- Fiction anmuten mag.

Peggy und Pilze

Pilze leben in einer eigenen Welt, einer ziemlich faszinierenden Welt, wie ich finde. Auch wenn ich keine Pilzexpertin bin: Mich fasziniert ihr Aussehen – und sie geben wunderbare Fotomotive ab. Außerdem schmecken sie zum Teil köstlich. Im Herbst streife ich gerne mit meiner kundigen Freundin durch den Schwarzwald und sammle. Am liebsten Parasole, die wir dann als vegetarische Schnitzel in der Pfanne ausbacken. Mhm, lecker.


Quellen:

[1]https://www.planetwissen.de/gesellschaft/lebensmittel/gift_und_speisepilze/pwiedasweltgroesstelebewesen100.html

[2] Paul Stamets bei TED: 6 ways mushrooms can save the world

[3] https://www.globalcitizen.org/de/content/mushroom-fungi-packaging-ikea-decompose-ecovative/

[4] https://sz-magazin.sueddeutsche.de/die-loesung-fuer-alles/visionen-eines-fungi-tekten-84453

[5] https://paulstamets.com/

[6] https://sz-magazin.sueddeutsche.de/die-loesung-fuer-alles/der-pilz-kopf-85548


Hej, ich bin Peggy, ausgebildete Trainerin und Kursleiterin für Waldbaden. Du hast Lust auf eine Auszeit im Wald? Schreib mir. Oder abonniere meinen Newsletter für regelmäßige Inspirationen aus dem Wald.


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