Mit dem Förster auf der Schwäbischen Alb unterwegs

Habitatbäume: Lebensräume im Wald

Es gibt Tage, da fahre ich nicht weit weg und lerne doch eine neue Welt kennen. Der Tag mit Förster Stefan war so einer. Unsere Kinder gehen gemeinsam zur Schule und wir kennen uns seit Jahren. Meine Ausbildung zur Kursleiterin Waldbaden hatte mich auf die Idee gebracht, Stefan einen Tag in seinem Beruf zu begleiten. Er ist nämlich Förster in Hohenstein auf der Schwäbischen Alb. Auf dem Programm stand: Habitatbäume ausweisen, einen Waldkindergarten besuchen und einen Privatwald schätzen. Dafür ging es querfeldein und auf und ab – Förster brauchen definitiv kein Fitnessstudio.

Baum als Lebensraum

Wie zahlreiche Gemeinden auf der Schwäbischen Alb nimmt auch Hohenstein an einem Förderprogramm teil. Dafür gilt es, pro Hektar Wald mindestens fünf Habitatbäume auszuweisen. „Habitat“ bedeutet Lebensraum. Es geht also darum, Bäume zu finden, die Tieren, Pflanzen oder Pilzen Lebensräume bieten – in Höhlen, Ritzen oder Nischen.  

Habitatbäume sind so etwas wie die Waldhotels für Wildtiere, besondere Lebensräume für Spechte, Fledermäuse, Insekten und unzählige andere Waldbewohner. Manchmal sind es mächtige alte Buchen mit abgebrochenen Ästen, manchmal sogenannte „Kerzen“ –abgestorbene Baumstämme, die wie Skulpturen in die Höhe ragen.

Durchs Unterholz entlang des Naturerlebnispfads

Im Großteil seines Forstes hatte Stefan bereits ausreichend Habitatbäume gefunden und markiert. Heute stand noch ein „Schmankerl“ auf dem Programm: ein abwechslungsreicher Mischwald bei Meidelstetten. Den wollten wir gemeinsam begehen und dabei nach geeigneten Bäumen Ausschau halten. Um diese sichtbar zu markieren, steckte sich Stefan weiße Sprühflaschen in seinen Allzweck-Gürtel. Ich bekam ein robustes Tablet, auf dem ich die Standorte digital festhalten sollte. Wir parkten in der Nähe des Naturerlebnispfads Häulesrain und schlugen uns von dort durchs Unterholz. Von gemütlichem Wandern auf Waldwegen keine Spur – wir bewegten uns querfeldein. Rauf und runter und zwischen Büschen und Bäumen hindurch, Fitnessprogramm inklusive.

Förster Stefan und Peggy stehen im Grünen

Beim Naturlehrpfad handelt es sich um den „Naturerlebnispfad Häulesrain“ bei Hohenstein-Meidelstetten

Schatzsuche mit Sprühdose und Tablet

Mit geübtem Blick machte Stefan Bäume aus: hier eine alte Kiefer mit Spechthöhlen, dort eine Fichte mit abgestorbenen Ästen. Bei der Auswahl ist Mitdenken gefragt, denn ein Habitatbaum soll nicht gefällt werden. Man muss also genau überlegen, welchen Baum man ausweist. Steht er zu nah am Waldweg und könnte bei Sturmschäden zur Gefahr werden? Dann „fällt“ er aus Gründen der Verkehrssicherheit gleich durchs Raster.

Mein Blick auf den Forst wandelte sich im Schnelldurchlauf von „Das ist ein Baum“ über „Das ist ein kaputter Baum“ bis hin zu „Das ist ein Luxus-Apartment für Spechte & Co.“. Bald übte ich mich ebenfalls im Erspähen geeigneter Exemplare. Nebenher schnappte ich so einiges an Wissen auf. Eichen lieben Licht, Eschen leiden unter einem aus Ostasien eingeschleppten Pilz, Nadelwald ist auf den Kalkböden der Schwäbischen Alb nicht heimisch.

Habitatbaum wird mit Sprühdose weiß markiert
Jeder Habitatbaum wurde (hoffentlich) von mir digital erfasst und von Stefan mit weißen Kreisen aus der Sprühflasche markiert.

Die Bilanz des Tages konnte sich sehen lassen: Wir fanden deutlich mehr als die geforderten fünf Habitatbäume pro Hektar. Der Waldabschnitt war aber auch besonders vielfältig – quasi ein Eldorado für Baumbewohner. Häufig entdeckten wir sogar ganze Baumgruppen, Habitatkomplexe. Unterwegs lauschten wir in einem Dickicht dem Gepiepse von Vogelbabys. Etwas später stießen wir auf Menschenkinder.

Kleine Waldentdecker ermutigen

Als der Förster plötzlich auf dem Gelände des Waldkindergartens auftauchte, schauten einige der Kinder erst ein wenig skeptisch. Schließlich versuchten sie gerade, ein Biotop anzulegen, eine kleine Senke, in der sich Regenwasser sammeln sollte. Andere gruben nach Dinosaurierknochen. Ob sie das überhaupt dürften? Doch Stefan hat einen super Draht zu Kindern und ermutigte sie in ihrer Neugier. Aufgeregt berichteten sie daraufhin von drei Wespennestern an ihrer Hütte. Zum Glück entpuppten sich diese als alt und längst verlassen. So konnte Stefan, der auch Imker ist, ihnen nebenbei ein wenig erzählen, wie Honig entsteht und warum Bienen so wichtig für den Wald sind. Als wir weiterzogen, war Stefan in den Augen der Kinder zum Superheld mutiert (spätestens als er versprach, ihnen beim nächsten Besuch ein paar Tierknochen mitzubringen).

Habitatbäume erklärt Ökoleo für Kinder und Erwachsene auf der Seite des „Hessischen Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt, Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat“

Waldwert schätzen

Ein kleiner Privatwald sollte den Besitzer wechseln und Stefan war gebeten worden, dessen Wert zu schätzen. So trafen wir uns mit dem derzeitigen und dem zukünftigen Eigentümer und schauten uns das Waldstück gemeinsam an. Der Förster kommentierte die Zusammensetzung des Waldes, schätzte das Alter bestimmter Baumgruppen, gab Tipps zur Aufforstung lichter Stellen und zückte schließlich eine offizielle Tabelle, um seine Einschätzung zu untermauern. Dabei fiel mir auf, dass ich – obwohl studierte Betriebswirtin – Geldbeträge nicht direkt in Verbindung mit lebenden Bäumen bringen kann. Der Wald ist an für sich unbezahlbar, denn er sorgt für Sauerstoff. Aber das ist ein anderes Thema.

Mit dem Förster durch den Wald zu streifen hat meinen Blick geschärft. Ich taxiere Baumgruppen am Waldrand mit anderen Augen, entdecke auch in anderen Forstrevieren Kennzeichnungen für Habitatbäume und freue mich darüber. Sie spiegeln die wunderbare Unperfektion der Natur wider, die in ihrem Zusammenspiel einen idealen Lebensraum ergibt.

FAQ: Häufige Fragen zum Thema Habitatbäume

Was genau ist ein Habitatbaum?
Ein Habitatbaum ist ein lebender oder abgestorbener Baum, der besonderen Lebensraum für Tiere, Pflanzen und Pilze bietet – durch Höhlen, Risse, abgebrochene Äste oder besondere Wuchsformen. Er wird bewusst im Wald belassen, um die Artenvielfalt zu fördern.

Was ist eine „Kerze“?
In der Forstwirtschaft bezeichnet „Kerze“ einen Baum, dessen Krone abgebrochen ist und von dem nur noch der Stamm oder Stumpf steht. Diese „Kerzen“ sind oft wertvolle Habitatbäume, da sie vielen Insekten, Vögeln und anderen Tieren Unterschlupf bieten.

Wie lange ist ein Habitatbaum geschützt?
Im Rahmen des Förderprogramms für klimaangepasstes Waldmanagement ist ein ausgewiesener Habitatbaum für zehn Jahre geschützt. Doch die Perspektive von Förster und Waldbesitzer reicht weiter: Ein Habitatbaum soll bis zu seinem Tod und darüber hinaus im Wald verbleiben dürfen, da er auch als Totholz noch einen wertvollen Lebensraum darstellt.

Wie wird ein Habitatbaum markiert?
Habitatbäume werden in der Regel doppelt markiert: Einmal wird ihr Standort digital erfasst, zum anderen wird ihr Stamm mit weißer Farbe besprüht.

Warum stehen Habitatbäume eher nicht direkt am Waldweg?
Aus Gründen der Verkehrssicherheit werden Habitatbäume bevorzugt abseits der Wege ausgewiesen. Droht ein Baum zu fallen und könnte Waldbesucher gefährden, muss er eventuell gefällt werden – auch wenn er als Habitatbaum markiert ist.

Können auch Baumgruppen zu Habitatbäumen werden?
Ja, oft werden ganze Baumgruppen als Habitatkomplex ausgewiesen. Das schafft zusammenhängende Lebensräume und ist für viele Tierarten besonders wertvoll.

Wer entscheidet, welche Bäume Habitatbäume werden?
Das machen ausgebildete Förster oder Waldexperten, die mit geschultem Blick die besten Kandidaten auswählen. Sie achten dabei auf ökologischen Wert, Standort und Sicherheitsaspekte.


Hej, ich bin Peggy, ausgebildete Trainerin und Kursleiterin für Waldbaden. Du hast Lust auf eine Auszeit im Wald? Schreib mir. Oder abonniere meinen Newsletter für regelmäßige Inspirationen aus dem Wald.


Zum Weiterlesen:

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    Pilze

    Der echte Paul Stamets erforscht Pilze, die Böden entgiften und Bäume vernetzen. Der fiktive Paul Stamets reist auf einem Raumschiff durchs All. Beide verbindet eine spannende Geschichte. Sie handelt von Pilzforscher Paul Stamets und wie er zur Inspiration für Star Trek wurde. Vor allem aber geht es um die faszinierende Lebenswelt auf und unter der Erde: das Reich der Pilze.

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    Buchtipp: Das geheime Band

    Wohlleben beschreibt, wie schon 15 Minuten unter Bäumen messbar den Cortisolspiegel senken – das Stresshormon, das uns im Alltag oft dauergeplagt macht.

  • Trainings und Waldbaden

    Raschelndes Laub unter den Füßen oder raschelnde Seminarunterlagen. Auf den ersten Blick könnten klassische Trainings und Waldbaden kaum unterschiedlicher sein – oder?

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